TCM Kongress Rothenburg o.d.T.

TCM Kongress Rothenburg o.d.T.

Change Language This site in english
Mein Kongressplaner: Login

Gynäkologie und Andrologie, Fu Qing-zhu: Gynäkologie aus der frühen Qing-Dynastie


Chinesische Arzneimittel in der Schwangerschaft – traditionelle und moderne Sicherheitserfordernisse

Mein Kongressplaner
Zum Kongressplaner hinzufügen
Rubrik
Kurse zum Kongressthema Gynäkologie
Therapiearten
Arzneimitteltherapie Klassiker/Philosophie Wissenschaftliche Untersuchungen
Wann
Donnerstag, 30.05.2019
Uhrzeit
15:00-18:30
Sprache
D
Praxisorientierung
Ist theorieorientiert
 
Legende

Mit der immer breiter werdenden Anwendung der Chinesischen Medizin kommen auch vermehrt Schwangere bzw. - bei der Kinderwunschbehandlung - Frauen im Vorfeld einer Schwangerschaft (SS) in direkten Kontakt mit Chinesischer Arzneitherapie (CA). Dabei stellt sich immer öfter die Frage nach der Sicherheit der chinesischen Arzneimittel in der SS, nicht zuletzt angesichts wachsender Sicherheitsansprüche der Öffentlichkeit. Ein Blick in die Standardlehrbücher der CA hilft dabei häufig nicht weiter. Zum Thema Sicherheit der CA in der Schwangerschaft sind die Aussagen in sonst hervorragend gelungenen Werken oft unzureichend und entsprechen nicht mehr dem heutigen Wissensstand. Der Therapeut fühlt sich dann unsicher und ist bei Entscheidungen im Umgang mit unklaren oder fehlenden Angaben auf sich allein gestellt.

Nicht selten sind die Angaben zu Schwangerschaftsrisiken in führenden Werken widersprüchlich, wie die folgenden Beispiele zeigen:

PharmazeutischPin yinBensky et al. Chen et al. Hempen et al.Coicis Semyi yi renkein Eintrag kontraindiziert VorsichtCrataegi Frshan zhakontraindiziert kein Eintrag erlaubtPlantaginis Semche qian ziVorsicht kein Eintrag kontraindiziertSiegesbeckiae Hbxi xian caokein Eintrag Vorsicht kontraindiziert
Generell ist die CA eine recht sichere Therapierichtung. Für die Schwangerschaft gelten jedoch erhöhte Sicherheitsanforderungen. Einige kritische Arzneien, die in der allgemeinen Anwendung – zumindest unter gewissen Kautelen – eingesetzt werden können, sind in der Schwangerschaft zu vermeiden. Z.B. enthält shi chang pu (Acori tatarinowii Rhizoma) potenziell cancerogene Stoffe, andere Mittel wie zhi cao wu (Aconiti kusnezoffii Radix praep.) oder da feng zi (Hydnocarpi Semen) verbieten sich wegen ihrer Toxizität, in den genannten Werken findet sich jedoch kein Hinweis auf ein Schwangerschaftsrisiko.

Mögliche Risiken in der Schwangerschaft
Traditionell wurden Risiken für die Schwangerschaft in der besonderen Toxizität einiger Mittel oder in der möglichen Auslösung eines Aborts gesehen. Diese auf Erfahrung beruhenden Beurteilungen sollten von uns beachtet werden, soweit nicht neuere Erkenntnisse dagegen stehen. In der Moderne sehen wir in einer möglicherweise bestehenden Missbildungsgefahr das größte Risiko. Heute wissen wir von weiteren Risiken, so dass folgende Wirkungen zu unterscheiden sind:

- toxische Wirkungen für die Mutter
- abortive Wirkungen: die Gefahr für einen Abort oder eine Frühgeburt.
- teratogene Wirkungen: die Gefahr von Missbildungen (Embryotoxizität) oder Entwicklungsstörungen des Feten (Fetotoxizität).
- Chromosomenschädigungen: Mutagenität und Gentoxizität, die langfristig zu Krebs führen können.
- perinatale Toxizität: Der Geburtsvorgang selbst oder die Gesundheit des Neugeborenen können beeinträchtigt werden.

Abortive Wirkungen wurden traditionell sehr sensibel wahrgenommen und teilweise auch überakzentuiert. Die Möglichkeit von Missbildungen durch Arzneimittel ist erst seit der Contergankatastrophe richtig ins Bewusstsein der Wissenschaft wie der Öffentlichkeit getreten. Dieses Risiko konnte in der vormodernen Zeit aus methodischen Gründen nicht erkannt werden. Die Spontanrate für größere Missbildungen liegt bei 3 bis 4 Prozent. Man braucht 1000 dokumentierte Fälle von Anwendungen eines Mittels in der SS sowie eine Vergleichsgruppe, um auch nur eine Verdopplung der spontanen Missbildungsrate nachzuweisen. In der Chinesischen Medizin wird die Sache zusätzlich dadurch kompliziert, dass die Mittel nicht als Einzeldroge, sondern in Kombination angewendet werden.

Moderne Erkenntnisse
In den letzten Jahrzehnten wurden viele neue Ergebnisse zu Schwangerschaftsrisiken veröffentlicht, die in die Standardlehrbücher so gut wie keinen Eingang gefunden haben. Für huang lian (Coptidis Rhizoma) wurde in einer großen taiwanesischen Studie ein erhöhtes Risiko für Missbildungen des Nervensystems gefunden [1]. Solange dieses Ergebnis nicht eindeutig widerlegt ist, muss huang lian in der SS als streng kontraindiziert angesehen werden. Diese Studie ist jedoch eine Ausnahme, und es gibt für Naturheilmittel generell nur sehr wenige Untersuchungsergebnisse vom Menschen, die eine mögliche Teratogenität oder andere SS-Risiken zum Gegenstand haben.

Inzwischen existiert eine erhebliche Anzahl von Studienergebnissen aus experimentellen Tierstudien. Natürlich besteht ein Problem darin, dass diese nicht 1 zu 1 auf den Menschen übertragbar sind. Dennoch – solange keine aussagefähigeren Ergebnisse vom Menschen vorliegen – müssen diese im Interesse der Gesundheit von Mutter und Kind angemessen gewürdigt werden. Nicht zuletzt würde die/der Therapeut/in auch juristisch schlecht da stehen, wenn unter Arzneien, von denen ein experimentelles Teratogenitätsrisiko bekannt ist, Fehlbildungen auftreten und sie/er nicht nachweisen kann, dass diese auch ohne die CA aufgetreten wären.

Arbeitsgruppe Sicherheit der Chinesischen Arzneitherapie in der Schwangerschaft
Die „Arbeitsgruppe Sicherheit der Chinesischen Arzneitherapie in der Schwangerschaft (ASCAS)“ hat sich zum Ziel gesetzt, sämtliche verfügbaren Erkenntnisse, traditionelle wie moderne, die für die Beurteilung der Schwangerschaftssicherheit eine Relevanz haben können, einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen und die bestmögliche Antwort für eine Risikoevaluation aus moderner Sicht daraus abzuleiten. Dieses ist allerdings ein schwieriges Unterfangen, weil außer dem Problem der Übertragbarkeit vom Tier auf den Menschen weitere Unwägbarkeiten wie unterschiedliche Dosierungen, unterschiedliche Extraktformen oder andere Abweichungen der experimentellen Bedingungen von der therapeutischen Situation vorkommen.

Beurteilung einzelner Arzneidrogen bzw. Rezepturen
Die Ergebnisse der Einstufungen der ASCAS-Arbeitsgruppe zu den einzelnen Arzneidrogen werden im Kurs dezidiert vorgestellt. Auch Ergebnisse zu einigen Rezepturen werden gezeigt. Schon traditionell bestehen zu vielen Mitteln Kontraindikationen oder Hinweise zur Vorsicht. Moderne Erkenntnisse weisen auf weitere Risiken hin. Im Einzelfall ist über eine Risikoeinstufung auch zu diskutieren. Dabei kann es nicht ausbleiben, dass manche Ergebnisse zu einem Verlust von Therapieoptionen in der Schwangeren- oder Infertilitätsbehandlung führen. Wenn man die vorzustellenden Erkenntnisse beachtet, kann man jedoch davon ausgehen, dass der Schwangeren und ihrem Kind das an Sicherheit zugutekommt, was nach heutigen Maßstäben möglich ist.

Einschränkungen
Für Naturheilmittel generell gilt, dass diese bzgl. Schwangerschaftsrisiken noch unzureichend untersucht sind. Die Tatsache, dass für ein Mittel keine besonderen Risiken bekannt sind, muss daher nicht unbedingt heißen, dass das Mittel sicher ist. Natürlich sagt es etwas aus, wenn ein Mittel über lange Zeit, auch innerhalb einer neuzeitlichen Forschungslandschaft, ohne diesbezügliche Auffälligkeiten angewendet wurde. Dass dieses letzten Endes ausreicht, ist nicht allgemein akzeptiert. Allerdings ist die Forderung einer 100-prozentigen Risikofreiheit abzulehnen.

Bei der Risikoabwägung könnten andere Beurteiler ggfs. auch zu einer anderen Einschätzung kommen, zumal sich das Risiko auf einem Kontinuum zwischen fehlend bis extrem abbildet. Ferner muss man betonen, dass sich mit dem Auftauchen neuer Erkenntnisse die Beurteilung mancher Arzneidrogen in der einen oder anderen Richtung auch ändern kann und wird. Die vorgestellten Evaluationen stehen unter dem Vorbehalt des Irrtums bzw. der Unvollständigkeit vorliegender Ergebnisse und können dem Behandler die Verantwortung der Risikoabwägung und -aufklärung nicht abnehmen. Nichtsdestotrotz hat die ASCAS-Arbeitsgruppe eine zusammenfasende und an modernen Ansprüchen orientierte Beurteilung einzelner chinesischer Arzneidrogen bzgl. Schwangerschaftsrisiken vorgelegt, die es unseres Wissens in dieser Form andernorts zumindest in der westlichen Welt bisher nicht gibt. Der Referent empfiehlt, den alten ärztlichen Grundsatz „primum nihil nocere“ anzuwenden, d.h. bei Hinweisen auf Risiken unklarer Relevanz im Zweifelsfall dem Sicherheitsaspekt Vorrang einzuräumen.

Unberechtigte Risikozuweisungen
Einige fehlerhafte Untersuchungsergebnisse weisen unberechtigterweise Sicherheitsrisiken chinesischer Arzneidrogen aus. Eine Autorengruppe aus Hongkong [2] legte eine Arbeit mit Tierversuchen vor, die auf den ersten Blick eine Fülle von schockierenden Ergebnissen zu Schwangerschaftsrisiken auswies. Die ASCAS-Arbeitsgruppe konnte jedoch gravierende statistische Fehler und die Manipulation von Daten nachweisen [3], so dass diese Veröffentlichung als nicht-valide einzustufen ist.

Schlussfolgerung

Die Chinesische Arzneitherapie muss dem aktuellen Stand der modernen Medizin auf Augenhöhe begegnen und heutigen Sicherheitsansprüchen der Bevölkerung genügen. Sie muss in der Lage sein, ihre sichere Anwendung auch vor dem Hintergrund moderner Forschungsergebnisse auszuweisen. Möglicher Nutzen und Risiko müssen in einem angemessenen Verhältnis stehen, wobei die Indikation für den Einsatz von Arzneimitteln in der SS grundsätzlich streng zu stellen ist.


Kontakt:
axel.wiebrecht@gmx.de


Quellen:
1. Chuang CH, Doyle P, Wang JD, et al. Herbal medicines used during the first trimester and major congenital malformations: an analysis of data from a pregnancy cohort study. Drug Saf 2006;29:537-548
2. Wang CC, Li L, Tang LY and Leung PC. Safety evaluation of commonly used Chinese herbal medicines during pregnancy in mice. Hum Reprod 2012;27:2448-2456
3. Wiebrecht A, Gaus W, Becker S, Hummelsberger J and Kuhlmann K. Safety aspects of Chinese herbal medicine in pregnancy - re-evaluation of experimental data of two animal studies and the clinical experience. Complement Ther Med 2014;22:954-964

  • praktische Kurse mit Übungen
  • alle Erfahrungsstufen
  • Fortgeschritten
  • Einsteiger/in
  • Akupunktur
  • Arzneimitteltherapie
  • Tuina/Massage
  • Qi Gong/Taiji
  • Diätetik
  • Diagnostik
  • Klassiker/Philosophie
  • Wissenschaftliche Untersuchungen
  • buchbar
  • nur noch wenige Plätze
  • ausgebucht